Dissertationspreis

Preisträgerinnen 2020

Der Dissertationspreis 2020 wurde erstmalig an zwei Preisträgerinnen verliehen:

Jana Kristin Hoffmann

Die Sexualisierung der Religion – Diskurse um Sexualität, Familie und Geschlecht in der Methodistischen Kirche in den USA, 1950-1990

„Jana Kristin Hoffmann hat eine überaus souverän argumentierende und kenntnisreiche Dissertation verfasst, die zentrale Perspektiven der Geschlechtergeschichte aufgreift und weiterentwickelt. Ihre sehr gut geschriebene Arbeit untersucht den Wandel von Diskursen über Sexualität, Familie und Geschlecht von der Nachkriegszeit bis in die frühen 1990er Jahre in der US-amerikanischen methodistischen Kirche. Damit rückt eine Strömung im US-amerikanischen Protestantismus in das Blickfeld, die lange Zeit der ‚liberalen Mitte‘ zuzuordnen war, bevor sich seit den späten 1960er Jahren sukzessive wieder konservativere Gruppierungen durchsetzen konnten.

[…]

Die Arbeit nimmt durchgehend eine geschlechterhistorische Perspektive ein, denn im Zentrum stehen die Genese und der Wandel religiöser Männlichkeits- und Weiblichkeitsentwürfe. Zudem verbindet die Arbeit den geschlechterhistorischen Ansatz mit Perspektivierungen der queer history und der Geschichte des US-amerikanischen Rassismus. Darüber hinaus arbeitet sie diskursgeschichtlich Selbstverortungen und Abgrenzungen der US-amerikanischen Mittelschicht in Bezug auf Unterschichten heraus. Über die Verknüpfung der Differenzkategorien ‘Geschlecht‘, ‚Race‘, ‚sexuelle Orientierung‘ und ‚Class‘ kann die Autorin belegen, in welchem Maße der Intersektionalitätsansatz für die Geschlechtergeschichte eine vielversprechende heuristische Erweiterung sein kann. Die Arbeit von Jana Kristin Hoffmann ist darüber hinaus von großer Relevanz auch für die heutige Zeit, stellt sie doch die Fragilität liberaler Errungenschaften heraus.“

(aus der Begründung der Jury des AKHFG)

Andrea Rottmann

Queer Home Berlin? Making Queer Selves and Spaces in the Divided City, 1945-1970

„Andrea Rottmanns Dissertation leistet einen wegweisenden Beitrag zur Geschichte der Sexualität in der ost- und westdeutschen Nachkriegszeit. Sie untersucht queere Lebensformen und Alltagspraxen, deren mediale Konstruktion und polizeiliche Verfolgung in beiden Teilen der Stadt. Rottmann kann dabei an die existierende Forschung zur sexuellen Kultur der Weimarer Republik ebenso wie an Forschungen zur Verfolgung von Homosexualität und Transsexualität in der NS-Zeit anschließen. Sie macht Gebrauch von einer Fülle von Quellen, die ihre Existenz zum Teil der polizeilichen Überwachung und Diskriminierung von als sexuell abweichend stigmatisierten Praktiken und Personen verdanken, zum guten Teil aber auch den in den letzten Jahrzehnten auf Initiative von Aktivistinnen und Aktivisten entstandenen Archiven.

 […]

Die Arbeit von Andrea Rottmann ist ein wunderbares Beispiel für gelingende Geschichtsschreibung. Sie verbindet methodische Finesse mit Empathie, analytische Schärfe mit Erzählfreude. Sie leistet einen entscheidenden Beitrag zum historischen Wissen über die Geschichte von queeren Subjekten und Kulturen in der Nachkriegszeit, zeigt aber auch, wie sich der Blick auf historische Phänomene von der Wohnungsnot der Nachkriegszeit über den Bau der Mauer oder den Alltag in deutschen Gefängnissen verändert, wenn bewusst nach den Konsequenzen für queere Subjekte und gesellschaftliche Vorstellungen von binärer Geschlechtlichkeit gefragt wird. Andrea Rottmanns Dissertation stellt unter Beweis, wie sehr historisches Arbeiten von internationalen und interdisziplinären intellektuellen Zusammenhängen profitieren kann. Sie zeugt von einem fantastischen Sprachgefühl – sowohl im Deutschen wie im Englischen. Sie dokumentiert aber vor allem, wozu historische Wissenschaft fähig ist, wenn sie mit Neugier, Empathie, Beharrlichkeit und Mut betrieben wird.“

(aus der Begründung der Jury des AKHFG)